Sieben Prozent der deutschen CO2-Emissionen stammen aus einer einzigen Branche mit rund 80.000 Beschäftigten: der Stahlindustrie. Kein anderer Industriezweig steht deshalb so exemplarisch für die Frage, ob Klimaneutralität und Industriestandort zusammenpassen. Die Antwortversuche sind gewaltig — Direktreduktionsanlagen für Milliarden, Förderbescheide in Rekordhöhe, europäische Schutzzölle. Und doch ist drei Jahre nach den ersten Spatenstichen offen, ob der Plan aufgeht. Ein Lagebild.

Die Ausgangslage: schrumpfende Produktion, wachsender Druck

Deutschland ist der größte Stahlproduzent der EU, aber die Basis bröckelt: Die Rohstahlproduktion lag zuletzt bei rund 37 Millionen Tonnen im Jahr — in den 2010er-Jahren waren mehr als 42 Millionen üblich, und 2023 markierte mit gut 35 Millionen Tonnen den tiefsten Stand seit der Finanzkrise. Die Gründe stapeln sich: schwache Nachfrage aus Bau und Automobilindustrie, Strompreise, die ein Vielfaches der Konkurrenzstandorte betragen, und ein Weltmarkt, auf den China strukturelle Überkapazitäten von mehreren hundert Millionen Tonnen drückt. Die Produktionsdaten der energieintensiven Industriezweige, die das Statistische Bundesamt laufend ausweist, zeigen die Branche seit 2022 im Dauertief — eine Entwicklung, die wir im Kontext der Energiepreisdebatte bereits ausführlich analysiert haben.

Ein Arbeiter in Schutzkleidung prüft frisch gewalzte Stahlcoils in einer Werkshalle.
Importdruck aus Asien und hohe Energiekosten setzen die deutsche Basisindustrie zusätzlich unter Druck. Foto: RTB

Direktreduktion: Wie grüner Stahl technisch entsteht

Der klassische Weg zum Stahl führt über den Hochofen: Kokskohle reduziert Eisenerz zu Roheisen, dabei entstehen je Tonne Stahl grob zwei Tonnen CO2. Die Alternative heißt Direktreduktion (DRI): Erdgas oder perspektivisch Wasserstoff entzieht dem Erz den Sauerstoff bei Temperaturen unterhalb des Schmelzpunkts; der entstehende Eisenschwamm wird anschließend im Elektrolichtbogenofen zu Stahl geschmolzen. Läuft die Anlage mit grünem Wasserstoff und Ökostrom, sinken die Emissionen um über 90 Prozent. Thyssenkrupp baut in Duisburg eine solche Anlage mit staatlicher Förderung von rund zwei Milliarden Euro, Salzgitter treibt sein SALCOS-Programm mit rund einer Milliarde Euro Förderung voran, die Saarstahl-Gruppe erhielt Zusagen ähnlicher Größenordnung.

Doch der Umbau hat Risse bekommen. ArcelorMittal, immerhin zweitgrößter Produzent des Landes, sagte seine geförderten Direktreduktionsprojekte in Bremen und Eisenhüttenstadt im Sommer 2025 ab und verzichtete auf bewilligte 1,3 Milliarden Euro — Begründung: Bei den absehbaren Strom- und Wasserstoffpreisen sei kein wirtschaftlicher Betrieb darstellbar. Thyssenkrupp wiederum baut parallel zum grünen Leuchtturm massiv Kapazität und Stellen ab. Die Botschaft beider Entscheidungen ist dieselbe: Fördermilliarden für den Anlagenbau lösen das eigentliche Problem nicht, nämlich die laufenden Betriebskosten. Wo die Wasserstoffwirtschaft zwischen Hype und Realität tatsächlich steht, beleuchtet unsere Bestandsaufnahme.

Importdruck und Handelspolitik: Europa zieht Zäune

Während die Transformationskosten steigen, wächst der Druck von außen. Stahl aus Asien, teils direkt, teils über Drittländer umgeleitet, trifft auf einen schrumpfenden europäischen Markt; die Importquote bei Flachprodukten hat in der EU zeitweise ein Viertel überschritten. Brüssel reagiert zweigleisig: Seit 2026 entfaltet das CO2-Grenzausgleichssystem CBAM finanzielle Wirkung — Importeure müssen für die Emissionen eingeführten Stahls Zertifikate erwerben, was den Kostenvorteil kohlebasierter Importe verringern soll. Parallel hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die zollfreien Importquoten drastisch zu kürzen und darüber hinausgehende Mengen mit hohen Zöllen zu belegen — eine Abkehr von Jahrzehnten europäischer Freihandelsrhetorik, die zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.

Für die Stahlkäufer — Automobilhersteller, Maschinenbauer, Bauwirtschaft — bedeutet beides höhere Preise. Genau hier liegt der Zielkonflikt der Handelspolitik: Jeder Euro Schutz für die Stahlerzeuger verteuert die Vorprodukte der nachgelagerten Industrie, die ihrerseits im internationalen Wettbewerb steht. Die Debatte, ob Deutschland seine Basisindustrien halten kann und soll, führen wir datenbasiert in unserem Deindustrialisierungs-Check.

Findet grüner Stahl einen Markt?

Die entscheidende Frage des Umbaus ist nicht technisch, sondern kommerziell: Wer zahlt den grünen Aufpreis? Je Tonne liegt er nach Branchenschätzungen derzeit bei 100 bis 300 Euro, abhängig von Strom- und Wasserstoffpreisen. Im Endprodukt relativiert sich das — beim Mittelklasseauto geht es um eine niedrige dreistellige Summe, bei der Waschmaschine um wenige Euro. Erste Abnahmeverträge existieren: Automobilhersteller haben sich langfristige Mengen CO2-arm erzeugten Stahls gesichert, auch aus skandinavischen Neubauprojekten. Doch diese Pioniernachfrage deckt nur einen Bruchteil der künftigen Kapazitäten. Diskutiert werden deshalb grüne Leitmärkte: verbindliche Quoten für CO2-armen Stahl in der öffentlichen Beschaffung und in regulierten Produkten, wie sie das Handlungskonzept Stahl des Bundes skizziert.

Was am Stahl hängt

Warum der Ausgang dieser Wette weit über die Branche hinaus zählt, zeigt der Blick auf die Verflechtung: Stahlstandorte wie Duisburg, Salzgitter, Völklingen oder Eisenhüttenstadt tragen ganze Regionalökonomien — Instandhalter, Anlagenbauer, Logistiker, Härtereien. Der Maschinenbau bezieht Spezialstähle bevorzugt aus räumlicher Nähe, die Verteidigungsindustrie ist auf heimische Grobblech-Kapazitäten angewiesen, und die Energiewende selbst verbraucht Stahl in gewaltigen Mengen: Windräder, Netze, Schienen. Fällt die Primärerzeugung im Land weg, bleibt die Weiterverarbeitung zunächst — aber die Erfahrung anderer Länder lehrt, dass Wertschöpfungsketten der Erzeugung mit einer Generation Verzögerung folgen. Es ist diese langfristige Kettenreaktion, nicht die aktuelle Konjunktur, die den Stahlumbau zur strategischen Frage macht. Wie sich die Lage der Standorte entwickelt, verfolgen wir fortlaufend im Ressort Wirtschaft & Unternehmen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen grünem Stahl und Elektrostahl aus Schrott?

Elektrostahl aus recyceltem Schrott ist etabliert und vergleichsweise emissionsarm, deckt aber nur einen Teil des Bedarfs: Schrott ist begrenzt verfügbar, und bestimmte Güten — etwa für Karosseriebleche — verlangen Primärstahl aus Erz. Grüner Primärstahl über wasserstoffbasierte Direktreduktion soll diese Lücke klimaneutral schließen; beide Routen ergänzen sich.

Warum baut ArcelorMittal in Deutschland nicht, obwohl Fördermittel bewilligt waren?

Der Konzern begründete die Absage im Sommer 2025 mit fehlender Wirtschaftlichkeit des laufenden Betriebs: Strom- und Wasserstoffkosten am deutschen Standort ließen trotz Investitionsförderung von 1,3 Milliarden Euro keinen rentablen Betrieb der Anlagen erwarten. Die Investitionsförderung deckt Baukosten, nicht die dauerhaft höheren Produktionskosten — genau dort liegt die Schwachstelle des Fördermodells.

Macht CBAM importierten Stahl teurer als deutschen?

Das Grenzausgleichssystem verteuert Importe entsprechend ihrer CO2-Intensität und gleicht damit den Zertifikatekostenvorteil ausländischer Erzeuger aus — es stellt Wettbewerbsgleichheit her, garantiert aber keinen Preisvorteil für europäischen Stahl. Kritiker bemängeln zudem Lücken, etwa bei weiterverarbeiteten Produkten, die den Ausgleich umgehen können; an Nachschärfungen wird auf EU-Ebene gearbeitet.