Zwischen Rechnungsstellung und Zahlungseingang liegen im deutschen B2B-Geschäft je nach Branche 30, 60 oder 90 Tage — Zeit, in der das Unternehmen Löhne, Material und Miete vorfinanziert. Factoring kürzt diese Lücke radikal: Der Betrieb verkauft seine Forderungen laufend an eine Factoring-Gesellschaft und erhält den Großteil des Rechnungsbetrags meist innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Der Umsatz der deutschen Factoring-Branche liegt nach Angaben des Deutschen Factoring-Verbands seit Jahren im hohen dreistelligen Milliardenbereich — das Instrument ist längst im Mittelstand angekommen.

Doch Factoring ist kein Kredit mit anderem Etikett, sondern ein laufender Forderungsverkauf mit eigener Kostenlogik, eigenen Voraussetzungen und einigen Vertragsklauseln, die man vor der Unterschrift verstanden haben sollte.

Wie Factoring funktioniert

Rechtlich ist Factoring eine fortlaufende Forderungsabtretung nach § 398 BGB im Rahmen eines Rahmenvertrags; aufsichtsrechtlich gilt es als Finanzdienstleistung nach § 1 Abs. 1a Satz 2 Nr. 9 Kreditwesengesetz und unterliegt der BaFin-Aufsicht. Der Ablauf ist standardisiert: Das Unternehmen reicht seine Ausgangsrechnungen digital beim Factor ein. Der Factor zahlt sofort einen Vorschuss von üblicherweise 80 bis 90 Prozent des Bruttobetrags; der Rest bleibt als Sicherheitseinbehalt stehen und fließt, sobald der Kunde (Debitor) bezahlt hat. Beim Full-Service-Factoring übernimmt der Factor zusätzlich Debitorenbuchhaltung, Mahnwesen und — im echten Factoring — das Ausfallrisiko.

Hände blättern in einem Rechnungsordner mit einem Kugelschreiber daneben.
Zwischen echtem und unechtem Factoring entscheidet, wer das Ausfallrisiko der Forderung trägt. Foto: RTB

Echtes, unechtes, offenes, stilles Factoring

Die wichtigsten Factoring-Varianten im Vergleich
VarianteMerkmalKonsequenz
Echtes FactoringFactor übernimmt das Ausfallrisiko (Delkredere)Forderung verlässt die Bilanz; Standard in Deutschland
Unechtes FactoringAusfallrisiko bleibt beim UnternehmenWirtschaftlich ein Kredit gegen Forderungsabtretung; günstiger, aber ohne Risikoschutz
Offenes FactoringDebitor wird über die Abtretung informiert und zahlt an den FactorTransparent, marktüblich; Zahlungswege eindeutig
Stilles FactoringDebitor erfährt nichts von der AbtretungDiskret, aber teurer und nur für sehr gute Bonitäten
Inhouse-FactoringDebitorenbuchhaltung und Mahnwesen bleiben im UnternehmenNiedrigere Gebühren, Finanzierungs- und Delkrederefunktion bleiben
Fälligkeits-FactoringKeine Vorfinanzierung, nur Risikoschutz und ServiceFür Betriebe, denen es um Absicherung statt Liquidität geht

Gebühren und effektive Kosten: eine Beispielrechnung

Factoring kostet an drei Stellen: die Factoringgebühr auf den angekauften Umsatz (je nach Umsatzgröße, Branche und Debitorenstruktur etwa 0,1 bis 2,5 Prozent; kleinere Betriebe liegen eher bei 1 bis 2,5 Prozent), den Vorfinanzierungszins auf den ausgezahlten Betrag für die tatsächliche Laufzeit (referenzzinsgebunden, etwa Euribor plus Marge) und Prüfgebühren für die laufende Bonitätsüberwachung der Debitoren.

Ein Rechenbeispiel: Ein Großhändler mit 1,2 Millionen Euro Jahresumsatz, durchschnittlich 45 Tagen Forderungslaufzeit und einer Factoringgebühr von 1,2 Prozent zahlt rund 14.400 Euro Gebühr plus Zins auf die Vorfinanzierung. Dagegen stehen: sofortige Liquidität von dauerhaft rund 130.000 Euro, wegfallende Ausfälle, eingespartes Mahnwesen — und die Möglichkeit, beim eigenen Einkauf konsequent Skonto zu ziehen. Wer 3 Prozent Skonto auf nennenswerte Einkaufsvolumina realisiert, finanziert damit einen erheblichen Teil der Factoringkosten. Die ehrliche Rechnung vergleicht also nicht Gebühr gegen null, sondern Gebühr gegen Kontokorrentzins, Ausfallquote und Verwaltungsaufwand.

Für wen sich Factoring rechnet

Das Modell passt, wenn drei Bedingungen zusammenkommen: gewerbliche Kunden mit Zahlungszielen zwischen 14 und 90 Tagen, Forderungen, die nach vollständig erbrachter Leistung einredefrei sind, und ein Umsatz, der die Fixkosten des Verfahrens trägt — klassische Factoring-Gesellschaften beginnen häufig ab etwa 100.000 bis 250.000 Euro Jahresumsatz, Fintech-Anbieter auch darunter oder mit Einzelrechnungsankauf. Typische Nutzerbranchen sind Großhandel, Zeitarbeit, Transport, Zulieferer und produzierendes Gewerbe. Schwer bis gar nicht factorabel sind dagegen Abschlags- und Teilrechnungen im Bau (VOB-Verträge), stark reklamationsanfälliges Projektgeschäft und Privatkundenumsätze. Wie Factoring in die Gesamtarchitektur der Finanzierung passt, zeigt der Überblick zur Unternehmensfinanzierung; welchen Beitrag es in Engpassphasen leistet, der Beitrag zur Liquiditätsplanung.

Worauf im Factoring-Vertrag zu achten ist

  • Andienungspflicht und Ankaufsquote: Viele Verträge verpflichten dazu, den gesamten Umsatz oder definierte Debitoren anzudienen. Prüfen, ob Ausnahmen (Barzahler, Kleinstrechnungen) geregelt sind — und was passiert, wenn der Factor einzelne Debitoren ablehnt.
  • Limitpolitik: Der Factor vergibt je Debitor Ankauflimits und kann sie senken. Wichtige Frage: mit welcher Frist, und was gilt für bereits gelieferte Ware?
  • Sicherheitseinbehalt und Auszahlung: Höhe des Einbehalts, Fristen der Restauszahlung, Verrechnung bei Gutschriften und Boni.
  • Laufzeit und Kündigung: übliche Laufzeiten von 12 bis 24 Monaten mit Verlängerungsklauseln; Ausstiegskosten kalkulieren.
  • Abtretungsverbote der Kunden: Dank § 354a HGB ist die Abtretung von Geldforderungen aus Handelsgeschäften trotz vertraglicher Abtretungsverbote wirksam — der Factor wird solche Debitoren aber genauer prüfen.
  • Kollision mit Bankensicherheiten: Hat die Hausbank eine Globalzession auf die Forderungen, muss sie freigegeben oder abgegrenzt werden, bevor das Factoring starten kann.

Häufige Fragen zum Factoring

Was kostet Factoring effektiv?

Als grobe Spanne: 0,5 bis 3 Prozent des angekauften Umsatzes, zusammengesetzt aus Factoringgebühr, Vorfinanzierungszins und Nebenkosten. Die effektive Belastung sinkt mit Umsatzgröße und Debitorenqualität — und relativiert sich um eingesparte Ausfälle, Verwaltungskosten und gezogene Skonti.

Erfahren meine Kunden vom Factoring?

Beim marktüblichen offenen Factoring ja: Auf der Rechnung steht ein Abtretungsvermerk, gezahlt wird an den Factor. Im B2B-Geschäft ist das heute weithin akzeptiert. Wer das vermeiden will, kann stilles Factoring vereinbaren — zu höheren Kosten und nur bei guter Bonität.

Ist Factoring ein Zeichen für wirtschaftliche Probleme?

Nein. Factoring wird überwiegend von wachsenden Unternehmen genutzt, deren Working Capital mit dem Umsatz mitwächst. In einer akuten Krise ist es ohnehin kaum noch verfügbar, weil Factoring-Gesellschaften Bonität und Forderungsqualität laufend prüfen — es ist ein Instrument der Vorsorge, nicht der Rettung.