Die Insolvenzstatistik ist eines der ehrlichsten Konjunkturbarometer – sie zeigt nicht Stimmungen, sondern vollzogene Marktaustritte. Und sie zeigt seit drei Jahren in dieselbe Richtung: nach oben. 2024 zählte das Statistische Bundesamt 21.812 Unternehmensinsolvenzen, ein Plus von 22,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr; für 2025 deuten die vorläufigen Zahlen der Kreditversicherer und Auskunfteien auf rund 24.000 Fälle – den höchsten Stand seit etwa einem Jahrzehnt. Zu Beginn des Jahres 2026 stellt sich damit die Frage: Erlebt Deutschland eine Pleitewelle, oder normalisiert sich nur, was in den Krisenjahren künstlich niedrig gehalten wurde?
Die Lage in Zahlen
Der Anstieg ist breit, aber nicht gleichmäßig. Überdurchschnittlich betroffen sind nach den Branchenauswertungen von Destatis und Creditreform das Baugewerbe, der Handel, Verkehr und Logistik sowie das Gastgewerbe – gemessen an der Insolvenzhäufigkeit je 10.000 Unternehmen führt der Bau die Liste seit Jahren an. Auffällig ist zudem das wachsende Gewicht großer Verfahren: Die Forderungsvolumina je Insolvenz sind deutlich gestiegen, weil vermehrt Unternehmen mit dreistelligen Millionenumsätzen und ganzen Konzernstrukturen betroffen sind. Entsprechend klettern die volkswirtschaftlichen Schäden und die Zahl der von Insolvenzen betroffenen Arbeitsplätze schneller als die reine Fallzahl.
Eine Pleitewelle historischen Ausmaßes sieht anders aus – doch hinter der Normalisierung verbirgt sich ein struktureller Stresstest für einzelne Branchen.

Der Zeitverlauf: Normalisierung nach der Ausnahmephase
Wer die aktuellen Zahlen einordnen will, braucht die lange Reihe. Nach dem Rekord von 2003/2004 sanken die Unternehmensinsolvenzen fast zwei Jahrzehnte lang beinahe kontinuierlich – begünstigt durch Nullzinsen, stabile Konjunktur und zuletzt durch die pandemiebedingte Aussetzung der Insolvenzantragspflicht samt staatlicher Hilfsprogramme. 2021 markierte mit knapp 14.000 Fällen ein historisches Tief, das mit der realen Wirtschaftslage wenig zu tun hatte.
| Jahr | Fälle | Einordnung |
|---|---|---|
| 2003 | 39.320 | Historischer Höchststand |
| 2009 | 32.687 | Finanzkrise |
| 2019 | 18.749 | Letztes Vor-Corona-Jahr |
| 2021 | 13.993 | Tiefstand durch Sonderregeln |
| 2023 | 17.814 | +22,1 % – Beginn der Aufholbewegung |
| 2024 | 21.812 | +22,4 % – über Vor-Corona-Niveau |
| 2025 | ca. 24.000 | Vorläufig; höchster Stand seit rund zehn Jahren |
Gemessen an 2003 oder 2009 bleibt das aktuelle Niveau moderat. Gemessen am Tiefpunkt 2021 hat sich die Zahl der Verfahren aber um rund 70 Prozent erhöht – in nur vier Jahren. Beides ist wahr, und genau diese Doppeldeutigkeit prägt die Debatte.
Branchen unter Druck
Bau und Immobilien
Der Zinsschock ab 2022 hat den Projektentwicklermarkt getroffen wie kaum eine andere Branche: stornierte Neubauprojekte, eingefrorene Finanzierungen, gefallene Grundstückswerte. Die Insolvenzen prominenter Entwickler ziehen bis heute Handwerks- und Ausbaubetriebe mit, deren Forderungen ausfallen. Zwar stabilisieren sinkende Zinsen und Wohnraumprogramme die Nachfrage allmählich, doch der Auftragsbestand vieler Bauunternehmen bleibt dünn.
Handel und Konsum
Der stationäre Einzelhandel kämpft mit strukturellem Frequenzverlust, gestiegenen Mieten und zurückhaltenden Konsumenten. Es trifft längst nicht mehr nur Modeketten: Auch Möbelhäuser, Warenhäuser und Onlinehändler mit dünnen Margen tauchen regelmäßig in den Verfahrensstatistiken auf. Typisch sind hier Sanierungen über Eigenverwaltung und Insolvenzplan, weil Markenwerte und Standortnetze erhalten werden sollen.
Automotive und Zulieferer
Die Transformation zur Elektromobilität, Absatzschwäche auf dem chinesischen Markt und Preisdruck der Hersteller setzen mittelständische Zulieferer unter Dauerstress. Betriebe mit hoher Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor – Gießereien, Zerspaner, Hersteller von Abgas- und Antriebskomponenten – stellen seit 2024 einen wachsenden Anteil der größeren Verfahren. Hier geht es selten um Missmanagement, sondern um wegbrechende Geschäftsmodelle; entsprechend häufig enden die Verfahren in übertragenden Sanierungen oder Standortschließungen.
Normalisierung oder Krisensignal?
Die nüchterne Antwort lautet: beides. Ein erheblicher Teil des Anstiegs ist Normalisierung – Unternehmen, die ohne Nullzins und Staatshilfen schon früher ausgeschieden wären, holen den Marktaustritt nach. Volkswirte sprechen von einer überfälligen Bereinigung, die Kapital und Arbeitskräfte für produktivere Verwendungen freisetzt. Zum Krisensignal wird die Entwicklung dort, wo gesunde Betriebe durch Dominoeffekte mitgerissen werden: ausfallende Forderungen, strengere Warenkreditversicherer, restriktivere Banken. Genau deshalb verdient die Statistik 2026 mehr Aufmerksamkeit als in den Jahren zuvor – nicht wegen der absoluten Höhe, sondern wegen der Zusammensetzung.
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Für Geschäftsführer heißt das Gebot der Stunde Frühwarnung: rollierende Liquiditätsplanung, konsequentes Forderungsmanagement und ein realistischer Blick auf die eigene Kundenstruktur – wer stark von Bau, Handel oder Automotive abhängt, sollte Ausfallszenarien rechnen und die Warnsignale einer drohenden Insolvenz bei Geschäftspartnern kennen. Verschlechtert sich die Lage, zählt der Zeitfaktor doppelt: Sanierungsinstrumente wie StaRUG, Eigenverwaltung oder Schutzschirm stehen nur offen, wer nicht bereits zahlungsunfähig ist. Wann aus der Krise eine Antragspflicht wird, erklärt unser Beitrag zur Insolvenzantragspflicht; konjunkturelle Hintergründe bündelt das Ressort Wirtschaft & Unternehmen.