Wer einen Heizungsbauer, Elektriker oder Dachdecker sucht, braucht vor allem eines: Geduld. Wochen- bis monatelange Wartezeiten sind in vielen Regionen die Regel – und das, obwohl die Baukonjunktur schwächelt. Die Konjunkturberichte der Handwerkskammern zeichnen das Bild einer Branche, die betriebswirtschaftlich robust dasteht, aber an einer anderen Front kämpft: Es fehlen Auszubildende, Gesellen und Nachfolger. Die eigentliche Wachstumsbremse des Handwerks ist nicht die Nachfrage, sondern das Personal.
Konjunktur: stabil, aber gespalten
Das Handwerk ist mit rund einer Million Betrieben, etwa 5,6 Millionen Beschäftigten und über 700 Milliarden Euro Jahresumsatz ein tragender Pfeiler der deutschen Wirtschaft. Anders als die exportorientierte Industrie hängt es überwiegend an der Binnennachfrage – und die zeigt sich zweigeteilt. Während energetische Sanierung, Wartung und Reparatur stabil laufen, leidet der Neubau unter hohen Zinsen und Baukosten.
In den Quartalsumfragen der Handwerkskammern bewertet die Mehrheit der Betriebe ihre Geschäftslage seit Jahren als gut oder befriedigend. Auffällig ist die geringe Schwankung: Selbst in konjunkturell schwachen Phasen bleiben die Auftragsreichweiten vieler Gewerke bei mehreren Wochen. Der Grund ist schlicht – die Kapazität, nicht die Nachfrage, begrenzt das Geschäft.

Gewinner und Verlierer nach Gewerken
Hinter dem stabilen Gesamtbild verbergen sich große Unterschiede zwischen den Gewerbegruppen:
- Ausbaugewerke (Elektro, Sanitär-Heizung-Klima, Maler): profitieren von energetischer Sanierung, Wärmepumpen-Hochlauf und Photovoltaik-Installationen. Auftragsbücher vielerorts auf Monate gefüllt.
- Bauhauptgewerbe (Maurer, Zimmerer, Straßenbau): spürt den Einbruch im Wohnungsneubau deutlich; öffentliche Infrastrukturaufträge federn nur teilweise ab.
- Kfz-Gewerbe: stabile Werkstattauslastung, aber Transformationsdruck durch E-Mobilität, die weniger Wartung erfordert.
- Lebensmittelhandwerk (Bäcker, Fleischer): Kostendruck bei Energie und Rohstoffen, anhaltendes Betriebssterben vor allem in ländlichen Regionen.
- Gesundheitsgewerke (Augenoptiker, Hörakustiker, Zahntechniker): demografisch getriebenes, verlässliches Wachstum.
Die Lehrstellenlücke wird zum Strukturproblem
Jedes Jahr melden die Handwerkskammern zum Ausbildungsstart zehntausende unbesetzte Lehrstellen. Zwar stabilisieren sich die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Handwerk seit einigen Jahren bei rund 130.000 – doch das reicht nicht, um die altersbedingten Abgänge zu ersetzen. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, während der Trend zum Studium anhält: Auf dem Ausbildungsmarkt konkurriert das Handwerk mit Industrie, Handel und Hochschulen um immer weniger Schulabgänger.
Die Folgen sind messbar. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks schätzt die Fachkräftelücke auf über 250.000 Personen, besonders groß ist sie in den Klimagewerken – ausgerechnet dort, wo Wärmewende und Gebäudesanierung zusätzliche Kapazität verlangen. Jede unbesetzte Gesellenstelle bedeutet Aufträge, die nicht angenommen werden können, und verlängert die Wartezeiten für Kunden.
Uns fehlen nicht die Aufträge, uns fehlen die Hände. Ich könnte morgen drei Gesellen einstellen – wenn es sie gäbe.
Inhaber eines Elektrobetriebs mit zwölf Mitarbeitern in Süddeutschland
Betriebsnachfolge: Zehntausende Betriebe ohne Übernehmer
Noch gravierender als die Lehrstellenlücke ist auf lange Sicht die Nachfolgefrage. Nach Schätzungen des ZDH stehen bis 2030 rund 125.000 Betriebsübergaben im Handwerk an, weil die Inhabergeneration der Babyboomer aus dem Erwerbsleben ausscheidet. Ein erheblicher Teil dieser Betriebe findet keinen Übernehmer – weder in der Familie noch unter den Mitarbeitern noch am Markt. Was dann verloren geht, sind nicht nur Firmenwerte, sondern eingespielte Teams, Kundenbeziehungen und Ausbildungsplätze.
Die Übergabe selbst ist anspruchsvoll: Bewertung, Finanzierung, Steuern und die emotionale Seite des Loslassens wollen geplant sein. Wie eine geordnete Übergabe gelingt, beschreibt unser Leitfaden zur Unternehmensnachfolge im Familienbetrieb.
Was Betriebe und Politik dagegensetzen
Betriebliche Strategien
Erfolgreiche Betriebe behandeln Personalgewinnung inzwischen wie Vertrieb: Sie zeigen sich auf Social Media, zahlen übertariflich, bieten Vier-Tage-Modelle und moderne Ausstattung, kooperieren mit Schulen und übernehmen Praktikanten systematisch in die Ausbildung. Auch die Erschließung neuer Zielgruppen – Frauen in Bau- und Ausbaugewerken, Studienabbrecher, Geflüchtete mit Teilqualifizierung – gewinnt an Bedeutung. Welche Erfahrungen Betriebe mit verkürzten Arbeitszeitmodellen machen, zeigt unsere Bilanz zur Vier-Tage-Woche im Mittelstand.
Politische Hebel
Die Politik setzt an mehreren Stellen an: höhere Ausbildungsvergütungen und die Mindestausbildungsvergütung, Meistergründungsprämien der Länder, die Förderung der höheren Berufsbildung als gleichwertige Alternative zum Studium sowie Bürokratieabbau bei Dokumentations- und Nachweispflichten. Handwerkskammern und Betriebe fordern darüber hinaus eine konsequente Berufsorientierung an allen Schulformen – auch an Gymnasien, aus denen bislang nur ein kleiner Teil der Lehrlinge kommt.
Ob das reicht, ist offen. Klar ist: Die Nachfrage nach handwerklicher Leistung wird durch Energiewende, Sanierungsstau und Demografie eher steigen als sinken. Das Handwerk hat kein Auftragsproblem – es hat ein Kapazitätsproblem. Wer es löst, hat auf Jahre hinaus ein solides Geschäftsmodell.
Häufige Fragen
Wie ist die aktuelle Geschäftslage im Handwerk?
Mehrheitlich stabil: In den Konjunkturumfragen der Handwerkskammern bewerten die meisten Betriebe ihre Lage als gut oder befriedigend. Stark sind vor allem die Ausbaugewerke, schwächer das Bauhauptgewerbe wegen des eingebrochenen Wohnungsneubaus.
Warum bleiben so viele Lehrstellen im Handwerk unbesetzt?
Die Zahl der Schulabgänger sinkt, der Trend zum Studium hält an, und das Handwerk konkurriert mit Industrie und Handel um dieselben Bewerber. Hinzu kommen regionale Passungsprobleme: Offene Stellen und interessierte Jugendliche finden räumlich nicht immer zusammen.
Was passiert mit Betrieben, die keinen Nachfolger finden?
Ohne Übernehmer werden Betriebe häufig schlicht abgemeldet – Kundenstamm, Arbeitsplätze und Ausbildungskapazität gehen verloren. Alternativen sind der Verkauf an Mitarbeiter, an Wettbewerber oder an externe Gründer, was jedoch frühzeitige Planung über mehrere Jahre voraussetzt.