Kaum eine arbeitspolitische Idee polarisiert so zuverlässig wie die Vier-Tage-Woche: Für die einen ist sie das überfällige Update einer Arbeitswelt, die Produktivität noch in Anwesenheitsstunden misst – für die anderen ein Wohlstandsexperiment zur Unzeit, mitten in Fachkräftemangel und Standortdebatte. Abseits der Schlagzeilen liegen inzwischen belastbare Praxiserfahrungen vor: Deutsche Pilotbetriebe haben das Modell über Monate getestet, wissenschaftlich begleitet und anschließend bilanziert. Das Ergebnis ist differenzierter als beide Lager es gern hätten.

Ein Begriff, drei Modelle

Wer über die Vier-Tage-Woche diskutiert, sollte zuerst klären, welche Variante gemeint ist. Das prominenteste Modell folgt der Formel 100-80-100: volles Gehalt, 80 Prozent der Arbeitszeit, 100 Prozent der Leistung – also echte Verkürzung etwa von 40 auf 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Daneben steht die komprimierte Woche, bei der die volle Stundenzahl auf vier längere Tage verteilt wird. Und schließlich die Teilzeitvariante: vier Tage mit entsprechend reduziertem Gehalt – arbeitsrechtlich schlicht ein Teilzeitanspruch, kein neues Modell. Die betriebswirtschaftlichen Konsequenzen der drei Varianten unterscheiden sich fundamental; verglichen werden sie in der öffentlichen Debatte trotzdem ständig.

Ein Team bespricht Schichtpläne an einem Whiteboard.
Die Umstellung erfordert vor allem eine neue Personal- und Schichtplanung. Foto: RTB

Was die deutschen Pilotprojekte zeigen

Den größten deutschen Feldversuch starteten 2024 rund 45 Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größen: sechs Monate Vier-Tage-Woche nach dem 100-80-100-Prinzip, wissenschaftlich begleitet von einem Forschungsteam der Universität Münster. Die Bilanz fiel überwiegend positiv aus – die große Mehrheit der Teilnehmerbetriebe wollte das Modell nach Projektende ganz oder in angepasster Form fortführen. Die Beschäftigten berichteten von besserer mentaler Gesundheit, weniger Stresssymptomen und höherer Zufriedenheit, während die Unternehmen ihre Produktivität im Schnitt stabil hielten.

Bemerkenswert ist, wo die Zeitgewinne herkamen: weniger und kürzere Besprechungen, konsequentere Priorisierung, weniger Unterbrechungen, digitalisierte Routineprozesse. Die Vier-Tage-Woche wirkte in vielen Betrieben wie ein erzwungenes Effizienzprogramm – Verschwendung, die man jahrelang toleriert hatte, wurde plötzlich sichtbar und abgestellt.

Kompakt

  • 100-80-100-Prinzip: volles Gehalt, 80 % Arbeitszeit, gleichbleibende Leistung – das Referenzmodell der Pilotprojekte.
  • Im deutschen Pilotversuch (rund 45 Betriebe, begleitet von der Universität Münster) wollte die große Mehrheit weitermachen.
  • Produktivität blieb im Schnitt stabil; Zeitgewinne kamen vor allem aus weniger Meetings und strafferen Prozessen.
  • Grenzen zeigen sich in Schichtbetrieb, Pflege, Handwerk und überall dort, wo Anwesenheit die Leistung ist.
  • Arbeitsrechtlich gilt: maximal zehn Stunden pro Werktag – die komprimierte 4×10-Woche ist damit zulässig.

Die Bilanz nach einem Jahr: Licht und Schatten

Ein Jahr nach den Pilotphasen zeigt sich ein geteiltes Bild. Auf der Habenseite stehen messbar geringere Fluktuation und ein deutlicher Schub im Recruiting: Betriebe mit Vier-Tage-Woche berichten von einem Vielfachen an Bewerbungen – im Wettbewerb um knappe Fachkräfte ein hartes Argument, wie ihn auch unsere Analyse zu Strategien gegen den Fachkräftemangel beschreibt. Zufriedenheit und Gesundheitswerte blieben in den meisten Betrieben auch nach dem Neuigkeitseffekt stabil.

Auf der Sollseite stehen die Fälle, in denen die Rechnung nicht aufging: Unternehmen mit kundengetriebenen Erreichbarkeitszeiten mussten Servicefenster mit teurer Mehrbesetzung abdecken, in produzierenden Betrieben ließ sich Maschinenlaufzeit nicht einfach „wegpriorisieren“, und wo die Arbeitsverdichtung zu weit ging, kippte der Erholungseffekt ins Gegenteil. Einige Pilotbetriebe sind deshalb auf Zwischenmodelle umgeschwenkt – 36-Stunden-Wochen, freie Freitage im Wechsel oder Vier-Tage-Optionen nur für einzelne Bereiche. Zum erweiterten Baukasten der Arbeitszeitflexibilisierung zählen daneben auch Sabbatical-Modelle mit Rückkehrrecht für längere Auszeiten.

Die betriebswirtschaftliche Rechnung

Hinter dem 100-80-100-Prinzip steckt eine harte Zahl: Wer die Arbeitszeit von 40 auf 32 Stunden verkürzt und dieselbe Leistung erwartet, verlangt rechnerisch ein Viertel mehr Output pro Stunde. In wissensbasierten Bereichen mit vollen Meetingkalendern ist diese Reserve oft tatsächlich vorhanden – in getakteten Prozessen mit ohnehin hoher Auslastung nicht. Deshalb gehört vor jede Einführung eine ehrliche Bestandsaufnahme, wo unproduktive Zeit wirklich steckt und wie viel davon sich dauerhaft heben lässt.

Auf der Gegenseite stehen Effekte, die selten sauber eingerechnet werden: Jede vermiedene Kündigung spart Ausschreibung, Auswahl und monatelange Einarbeitung – Kosten, die je nach Position mehrere Monatsgehälter erreichen. Sinkende Krankenstände und weniger Überstundenzuschläge entlasten zusätzlich, und im Recruiting ersetzt das Modell teils spürbare Gehaltsaufschläge als Differenzierungsmerkmal. Ob die Rechnung aufgeht, entscheidet sich daher nicht in der Lohnbuchhaltung allein, sondern über Fluktuation, Fehlzeiten und Arbeitgeberattraktivität – Größen, die Betriebe vor dem Start als Basiswerte messen sollten, um den Effekt später belegen zu können.

Arbeitsrecht: Was erlaubt ist – und was nicht

Das Arbeitszeitgesetz steht dem Modell nicht im Weg, setzt aber Leitplanken: Die werktägliche Arbeitszeit darf acht Stunden betragen und auf bis zu zehn Stunden verlängert werden, wenn sie im Ausgleichszeitraum im Durchschnitt acht Stunden nicht überschreitet (§ 3 ArbZG). Eine komprimierte Woche mit viermal zehn Stunden ist damit zulässig – viermal elf wäre es nicht. Zu beachten bleiben Ruhezeiten von elf Stunden zwischen den Arbeitstagen sowie die Mitbestimmung: Verteilung der Arbeitszeit ist ein klassisches Feld des Betriebsrats.

Wichtig außerdem: Die verkürzte Woche entbindet nicht von der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung – im Gegenteil setzt gerade das 100-80-100-Modell voraus, dass tatsächliche Arbeitszeiten sauber dokumentiert werden, damit die Verkürzung nicht in unbezahlte Mehrarbeit umschlägt. Den rechtlichen Rahmen dazu erläutert unser Beitrag zur Pflicht zur Arbeitszeiterfassung.

Einführung im Betrieb: Die Erfolgsfaktoren

Aus den Pilotprojekten lassen sich vier Erfolgsfaktoren destillieren. Erstens: Vorbereitung vor Verkürzung – Prozesse, Meetingkultur und Vertretungsregeln werden umgebaut, bevor der fünfte Tag fällt, nicht danach. Zweitens: eine ehrliche Testphase mit definierten Kennzahlen für Leistung, Qualität und Krankenstand statt einer unumkehrbaren Grundsatzentscheidung. Drittens: Fairness zwischen den Bereichen – wo Produktion oder Service nicht mitziehen können, braucht es Ausgleichsmechanismen, sonst zerlegt das Modell den Betriebsfrieden. Und viertens: die Einbettung in eine Gesamtstrategie der Arbeitgeberattraktivität, wie sie unser Beitrag zu Maßnahmen der Mitarbeiterbindung skizziert. Weitere Analysen zu Arbeitszeit und Arbeitsmarkt sammelt unser Ressort Arbeit & Karriere.

Häufige Fragen

Haben Beschäftigte einen Anspruch auf die Vier-Tage-Woche?

Nein. Einen gesetzlichen Anspruch auf verkürzte Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich gibt es nicht. Beschäftigte können lediglich Teilzeit nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz verlangen – dann allerdings mit entsprechend reduziertem Gehalt. Das 100-80-100-Modell ist stets eine freiwillige betriebliche oder tarifliche Vereinbarung.

Ist eine Vier-Tage-Woche mit vier Zehn-Stunden-Tagen legal?

Ja. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt bis zu zehn Stunden pro Werktag, sofern im Ausgleichszeitraum der Durchschnitt von acht Stunden werktäglich eingehalten wird. Ruhezeiten und Pausen gelten unverändert; bei Jugendlichen und in einzelnen Branchen bestehen strengere Grenzen.

Für welche Betriebe eignet sich das Modell am ehesten?

Am besten funktioniert es dort, wo Arbeit projekt- und wissensbasiert organisiert ist und Effizienzreserven in Meetings und Prozessen stecken. Schwieriger ist es in Schicht-, Service- und personalgebundenen Bereichen, in denen Anwesenheitszeit unmittelbar Leistung bedeutet – dort sind Zwischenmodelle oft der realistischere Weg.