Sanierungskonzepte scheitern selten am Papier — sie scheitern in der Umsetzung, und dort meist in den ersten hundert Tagen. In dieser Phase entscheidet sich, ob ein Krisenunternehmen die Kurve bekommt: Die Liquidität muss reichen, die wichtigsten Blutungen müssen gestoppt, die Organisation muss vom Verwalten aufs Handeln umgestellt werden. Turnaround-Management ist dabei vor allem Handwerk: die richtige Reihenfolge, harte Priorisierung und ein Takt, der keine Ausreden zulässt. Dieser Beitrag beschreibt das Programm der operativen Sanierung — von der Diagnose über Liquiditätssicherung und Leistungsprogramm bis zur Umsetzungssteuerung.
Tage 1 bis 10: Diagnose und Liquiditätstransparenz
Am Anfang steht keine Vision, sondern eine Zahl: Wie lange reicht das Geld? Die erste Woche gehört deshalb der rollierenden 13-Wochen-Liquiditätsplanung auf Wochenbasis — alle erwarteten Einzahlungen konservativ, alle Auszahlungen vollständig, inklusive Steuern, Sozialabgaben und Tilgungen. Sie zeigt den Zeitpunkt der Lücke und definiert damit das Tempo aller weiteren Maßnahmen. Parallel läuft die Schnelldiagnose des Geschäfts: Deckungsbeiträge je Produkt und Kunde, Auftragsbestand und -qualität, Kostenstruktur im Branchenvergleich, Engpässe in Produktion und Lieferkette. Mehr als achtzig Prozent Genauigkeit sind in dieser Phase nicht nötig — Geschwindigkeit schlägt Präzision.
Zur Diagnose gehört auch die rechtliche Standortbestimmung: Liegt bereits Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung vor, gelten Antragspflichten und Zahlungsverbote, die den Handlungsspielraum drastisch verengen — die persönlichen Risiken der Organe beschreibt der Beitrag zur Geschäftsführerhaftung in der Krise. Und schließlich die Machtfrage: Ein Turnaround braucht ein Mandat. Ob Chief Restructuring Officer, Interim-Manager oder gestärkter CFO — ohne klare Verantwortung und Rückendeckung der Gesellschafter verpufft jedes Programm in Linienroutinen.

Liquidität sichern: die Überlebensphase
Die schnellste Geldquelle liegt fast immer im eigenen Umlaufvermögen. Auf der Forderungsseite: konsequentes Mahnwesen ab Tag eins, Klärung strittiger Posten auf Geschäftsführungsebene, Skontoangebote für schnelle Zahlung, Factoring für werthaltige Forderungen. Auf der Bestandsseite: Abverkauf von Ladenhütern auch unter Buchwert, Reduktion von Sicherheitsbeständen, Stopp automatischer Nachbestellungen, Rückgabe von Konsignations- und Kommissionsware. Auf der Verbindlichkeitenseite: aktive Vereinbarung von Zahlungsplänen mit den größten Lieferanten — verhandelte Streckung statt stillschweigenden Schleifenlassens, das nur Lieferstopps provoziert.
Dazu kommen die Ausgabenbremsen: ein temporärer Genehmigungsvorbehalt für alle Ausgaben ab einer definierten Schwelle, Investitionsstopp mit Einzelfreigabe, Verschiebung nicht kritischer Instandhaltung, Vermietung oder Verkauf nicht betriebsnotwendiger Vermögenswerte. Wichtig sind die Leitplanken: Steuern und Sozialversicherungsbeiträge haben absoluten Vorrang — ihre Nichtabführung begründet persönliche Haftung und Strafbarkeit —, und in der Nähe materieller Insolvenzreife dürfen Zahlungen nur noch im ordnungsgemäßen Geschäftsgang fließen. Reicht die Innenfinanzierung nicht, sind Gesellschafterbeiträge und besicherte Überbrückungslinien der nächste Schritt; Banken verlangen dafür regelmäßig ein tragfähiges Konzept, in größeren Fällen nach dem Standard des IDW S6.
Im Turnaround gilt eine einfache Rangfolge: Erst überleben, dann bluten stoppen, dann verdienen — Strukturfragen kommen zuletzt.

Sortiment, Kunden, Preise: das leistungswirtschaftliche Programm
Krisenunternehmen leiden fast immer an derselben Krankheit: zu viel Komplexität mit zu wenig Marge. Die Therapie beginnt mit einer ehrlichen Deckungsbeitragsrechnung je Produkt, Kunde und Auftrag — inklusive der ehrlichen Zuordnung von Sondermehrkosten wie Expressfrachten, Kleinstmengenrüstungen und Sonderbetreuung. Das Ergebnis ist regelmäßig ernüchternd: Ein erheblicher Teil des Sortiments und der Kundenbasis verdient kein Geld. Daraus folgt die Bereinigung: margenschwache Artikel auslisten oder neu bepreisen, Kleinstaufträge mit Mindermengenzuschlägen belegen, chronisch unprofitable Kunden auf auskömmliche Konditionen umstellen — und notfalls ziehen lassen. Umsatzverlust ist dabei kein Gegenargument, solange der Deckungsbeitrag steigt.
Zweiter Hebel sind die Preise: In der Krise unterbleiben Preisanpassungen oft aus Angst — dabei sind selektive Erhöhungen bei Artikeln mit geringer Preiselastizität, die Weitergabe von Materialteuerungen über Gleitklauseln und das Streichen historisch gewachsener Rabatte die schnellsten Ertragsbringer überhaupt. Dritter Hebel ist der Vertrieb selbst: Konzentration der Vertriebskapazität auf die profitabelsten Segmente, Reaktivierung ruhender A-Kunden, Abbau von Vertriebssonderlocken. Solche Quick Wins finanzieren psychologisch wie faktisch das Gesamtprogramm — jede früh sichtbare Verbesserung stärkt das Vertrauen von Belegschaft, Banken und Lieferanten.

Das Kostenprogramm: strukturiert statt Rasenmäher
Pauschale Budgetkürzungen — „zehn Prozent über alles" — sind das Kennzeichen hilfloser Sanierungen: Sie schwächen Gesundes und schonen Krankes. Ein belastbares Kostenprogramm arbeitet stattdessen mit Einzelmaßnahmen: jede mit beziffertem Effekt, Verantwortlichem, Termin und Härtegrad — von der Idee über die Beschlussreife bis zur ergebniswirksamen Umsetzung. Die typischen Felder: Neuverhandlung der größten Einkaufsvolumina und Rahmenverträge, Zusammenlegung von Standorten und Flächen, Reduktion von Fremdleistungen und Beraterbudgets, Verschlankung von Verwaltungsprozessen, Senkung von Energie- und Wartungskosten.
Personalmaßnahmen gehören in eine eigene Sequenz: zuerst die milden Instrumente — Einstellungsstopp, Abbau von Mehrarbeit und Zeitkonten, Auslaufenlassen von Befristungen und Leiharbeit, gegebenenfalls Kurzarbeit —, erst danach strukturelle Anpassungen mit Interessenausgleich und Sozialplan. Diese Reihenfolge ist nicht nur sozialverträglich, sondern auch ökonomisch: Strukturelle Personalmaßnahmen kosten zunächst Liquidität, bevor sie sie bringen, und gehören deshalb nicht an den Anfang der Überlebensphase. Zeigt die Gesamtrechnung trotz vollem Programm keine Tragfähigkeit, muss die Werkzeugkiste erweitert werden — bis hin zu Verfahrenslösungen wie der übertragenden Sanierung, bei der ein bereinigter Betrieb auf einen neuen Träger übergeht.
Umsetzung steuern: PMO, Meilensteine, Kommunikation
Die beste Maßnahmenliste ist wertlos ohne Umsetzungsmaschine. Bewährt hat sich ein kleines Maßnahmen-PMO (Project Management Office), das alle Einzelmaßnahmen in einer Datenbank führt, Härtegrade und Ergebniswirkung trackt und Abweichungen eskaliert. Der Takt ist wöchentlich: ein fester Jour fixe der Geschäftsführung mit den Maßnahmenverantwortlichen, in dem nicht berichtet, sondern entschieden wird. Jede Maßnahme hat genau einen Verantwortlichen — Gremienverantwortung ist keine. Die Liquiditätsplanung wird wöchentlich rolliert und gegen Plan gemessen; Planabweichungen von mehr als definierten Schwellen lösen automatisch Gegenmaßnahmen aus.
Unterschätzt wird regelmäßig die Kommunikation: Belegschaft, Banken, Warenkreditversicherer und Schlüssellieferanten brauchen ein konsistentes Lagebild — ehrlich zur Lage, konkret zu den Maßnahmen, verlässlich im Rhythmus. Wer Hiobsbotschaften scheibchenweise verteilt, verliert das Vertrauen schneller, als jedes Kostenprogramm es zurückverdienen kann. Nach etwa hundert Tagen sollte das Unternehmen dreierlei vorweisen können: eine stabilisierte Liquidität mit Vorschau, erste ergebniswirksame Quick Wins und einen beschlossenen Maßnahmenplan für die strukturelle Phase. Dann — und erst dann — beginnt die eigentliche strategische Neuausrichtung. Weitere Beiträge zu Sanierungskonzepten und Verfahrenswegen versammelt das Ressort Insolvenz & Sanierung.
Haeufige Fragen
Welche Maßnahme hat im Turnaround oberste Priorität?
Die Liquiditätstransparenz: eine rollierende 13-Wochen-Planung auf Wochenbasis. Sie zeigt, wie viel Zeit bleibt, und bestimmt Reihenfolge und Härte aller weiteren Maßnahmen. Ohne dieses Instrument steuert jede Sanierung im Blindflug.
Was sind typische Quick Wins in den ersten 100 Tagen?
Konsequentes Forderungsmanagement, Abverkauf von Lagerbeständen, Genehmigungsvorbehalt für Ausgaben, Nachverhandlung der größten Einkaufskontrakte, Streichung unrentabler Kleinstaufträge und selektive Preiserhöhungen bei wenig preissensiblen Artikeln. Diese Maßnahmen wirken binnen Wochen und finanzieren das weitere Programm.
Brauche ich für den Turnaround externe Berater?
Nicht zwingend, aber häufig: Externe bringen Methodik, Kapazität und die Glaubwürdigkeit gegenüber Banken, die ein testiertes Konzept — etwa nach IDW S6 — oft zur Bedingung für Stillhalten und frisches Geld machen. Entscheidend bleibt, dass die Umsetzungsverantwortung im Unternehmen verankert ist.
Wann ist die operative Sanierung gescheitert?
Wenn trotz umgesetzter Maßnahmen die Liquiditätslücke nicht schließbar ist oder Zahlungsunfähigkeit beziehungsweise Überschuldung eintritt. Dann gelten die insolvenzrechtlichen Pflichten, und Verfahrenslösungen — Eigenverwaltung, Insolvenzplan oder übertragende Sanierung — werden zum besseren Weg, die Fortführung zu sichern.